Wir Trauern um Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Max Kaase

Als national wie international führender politischer Soziologe und als hoch angesehener, außerordentlich tatkräftiger Wissenschaftsunternehmer und -manager hat er die Entwicklung der Universität Mannheim und ihrer Sozialwissenschaftlichen Fakultät über Jahrzehnte in zahlreichen Funktionen mitgeprägt. 1966 als Wissenschaftlicher Assistent in die Fakultät eingetreten, habilitierte er sich 1972 bei Rudolf Wildenmann. An der Gründung der Forschungsgruppe Wahlen war er beteiligt, entschied sich jedoch für den Verbleib im akademischen Kontext der Universität. Von 1974 bis 1979 leitete er als erster Geschäftsführender Direktor den Aufbau des heute in GESIS aufgegangenen Zentrums für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA). 1974 bereits zum Außerplanmäßigen Professor ernannt, wurde Kaase, nach Ablehnung eines Rufes in die USA, 1980 auf den neuen Lehrstuhl für Politische Wissenschaft und international vergleichende Sozialforschung berufen. 1993 folgte er einem Ruf auf die Forschungsprofessur für den Vergleich demokratischer Systeme am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). ZUMA blieb er mehrere Jahrzehnte als Vorsitzender des Trägervereins an maßgeblicher Stelle verbunden, 2010 übernahm er den Vorsitz des Universitätsrates der Universität Mannheim.
Nach dem formellen Eintritt in den Ruhestand fand Kaase eine neue institutionelle Heimat an der privaten gemeinnützigen International University Bremen (heute Jacobs University), zunächst als Vizepräsident der Hochschule und Gründungsdekan der School of Humanities and Social Sciences, danach als Wisdom Professor of Political Science. Für sein wissenschaftliches Lebenswerk wurde er durch Ehrendoktorwürden der City University London (2004) und der Universität Bremen (2007) geehrt. 2000 wurde ihm das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland verliehen.
Der Politikwissenschaftler Max Kaase hat sich als herausragender Vertreter der sogenannten Köln-Mannheimer Schule der deutschen Politikwissenschaft national wie international großes Ansehen erworben. Seine Forschung orientierte sich an den Maximen der Werturteilsfreiheit und empirischen Prüfbarkeit, war aber stets motiviert von einem normativen Horizont, dessen Aktualität heute überdeutlich vor Augen steht: dem Interesse an der Funktionsrealität der repräsentativen Demokratie in den liberaldemokratisch verfassten politischen Systemen der Gegenwart und ihrer Fähigkeit, auf Herausforderungen des sozialen, kulturellen, ökonomischen und technologischen Wandels zu reagieren. Mindestens fünf Forschungsfeldern hat Kaase maßgebliche Impulse gegeben. Die Wahl- und Einstellungsforschung profitiert seit Jahrzehnten von einer lückenlosen, bis 1961 zurückreichenden Kette großer Bundestagswahlstudien, an denen Kaase drei Jahrzehnte lang mitgewirkt hat. Als Mit-Initiator der „Political Action“-Studie von 1979 öffnete er den Horizont der politischen Beteiligungsforschung für die heute nahezu alltäglichen unverfassten und direkten Formen politischer Aktivität jenseits der „konventionellen“, über Wahlen und politische Parteien vermittelten Partizipation.
In der autoritativen fünf-bändigen Bestandsaufnahme „Beliefs in Government“ kulminierte Kaases Interesse an der politischen Kultur im Sinne der Unterstützung der Bürger für das demokratische politische System. Früh kritisierte er das seinerzeitige – aus heutiger Sicht wahrlich erstaunliche – Desinteresse der Politikwissenschaft an Phänomenen der politischen Kommunikation und gab wichtige Anstöße zur Etablierung dieses heute so wichtigen Forschungsfeldes an der Schnittstelle zwischen Politik- und Kommunikationswissenschaft. Methodisch stand immer die repräsentative Bevölkerungsumfrage im Zentrum von Kaases Forschungsansatz. Über Jahrzehnte reflektierte er die Entwicklung dieser sozialwissenschaftlichen Methode, aber auch ihre Bedeutung als organisiertes Feedbacksystem zur Aufklärung der demokratischen Gesellschaft über sich selbst – sowie nicht zuletzt die sich aus dieser Funktion ergebenden Qualitätsanforderungen an die akademische und die öffentliche Umfrageforschung.
Langfristig womöglich noch größere Bedeutung entfaltete Kaases Wirken als visionärer und durchsetzungsstarker Wissenschaftsmanager mit leidenschaftlichem Interesse am Aufbau von Infrastrukturen zum Nutzen der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Etliche weitgespannte internationale Kooperationsprojekte gehen maßgeblich auf seine – zumeist als treibende Kraft in Teams und Netzwerken entfalteten – Initiativen zurück, allen voran der European Social Survey (ESS), der sich mit über 30 beteiligten Ländern zu einem der wichtigsten sozialwissenschaftlichen Infrastrukturprojekte Europas entwickelt hat und eines der qualitativ besten Umfrageprojekte weltweit darstellt. Stets war Kaase auch bereit, sich durch Übernahme wissenschaftlicher Ämter und Funktionen für die wissenschaftliche Gemeinschaft einzusetzen. Die Palette ist breit und reicht vom Vorstand der Arbeitsgemeinschaft sozialwissenschaftlicher Institute (ASI) und der Kommission zur Erforschung des gesellschaftlichen und politischen Wandels in den neuen Bundesländern (KSPW) über das Scientific Board der Swiss Foundation for Research in the Social Sciences (FORS) sowie Gremien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Wissenschaftsrates bis zur Vizepräsidentschaft der European Science Foundation (ESF), kulminierend in der Wahl zum Präsidenten der International Political Science Foundation (IPSA).
Dem über ein halbes Jahrhundert, und mit ungebremster Energie weit über die formale Ruhestandsgrenze hinaus entfalteten Wirken des national wie international hoch angesehenen politischen Soziologen Max Kaase verdankt die Politikwissenschaft nicht nur wesentliche Forschungsbeiträge zu Einstellungen und Verhalten der Bürger demokratischer politischer Systeme seit den 1960er Jahren, sondern auch Infrastrukturen der empirischen Sozialforschung von Weltrang. Sein Ethos wissenschaftlicher Professionalität war vorbildlich. Max Kaase hat wesentlich zum heutigen Ansehen der Mannheimer Sozialwissenschaften beigetragen. Die Fakultät wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren