Wir Trauern um Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Max Kaase

Die Fakultät für Sozial­wissenschaften der Universität Mannheim trauert um Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Max Kaase. Er ist am 27. Oktober 2026 im Alter von 91 Jahren verstorben.

Als national wie international führender politischer Soziologe und als hoch angesehener, außerordentlich tatkräftiger Wissenschafts­unter­nehmer und -manager hat er die Entwicklung der Universität Mannheim und ihrer Sozial­wissenschaft­lichen Fakultät über Jahrzehnte in zahlreichen Funktionen mitgeprägt. 1966 als Wissenschaft­licher Assistent in die Fakultät eingetreten, habilitierte er sich 1972 bei Rudolf Wildenmann. An der Gründung der Forschungs­gruppe Wahlen war er beteiligt, entschied sich jedoch für den Verbleib im akademischen Kontext der Universität. Von 1974 bis 1979 leitete er als erster Geschäfts­führender Direktor den Aufbau des heute in GESIS aufgegangenen Zentrums für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA). 1974 bereits zum Außerplanmäßigen Professor ernannt, wurde Kaase, nach Ablehnung eines Rufes in die USA, 1980 auf den neuen Lehr­stuhl für Politische Wissenschaft und international vergleich­ende Sozialforschung berufen. 1993 folgte er einem Ruf auf die Forschungs­professur für den Vergleich demokratischer Systeme am Wissenschafts­zentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). ZUMA blieb er mehrere Jahrzehnte als Vorsitzender des Trägervereins an maßgeblicher Stelle verbunden, 2010 übernahm er den Vorsitz des Universitäts­rates der Universität Mannheim. 

Nach dem formellen Eintritt in den Ruhestand fand Kaase eine neue institutionelle Heimat an der privaten gemeinnützigen International University Bremen (heute Jacobs University), zunächst als Vizepräsident der Hochschule und Gründungs­dekan der School of Humanities and Social Sciences, danach als Wisdom Professor of Political Science. Für sein wissenschaft­liches Lebens­werk wurde er durch Ehrendoktorwürden der City University London (2004) und der Universität Bremen (2007) geehrt. 2000 wurde ihm das Verdienstkreuz am Bande der Bundes­republik Deutschland verliehen.

Der Politik­wissenschaft­ler Max Kaase hat sich als herausragender Vertreter der sogenannten Köln-Mannheimer Schule der deutschen Politik­wissenschaft national wie international großes Ansehen erworben. Seine Forschung orientierte sich an den Maximen der Werturteilsfreiheit und empirischen Prüfbarkeit, war aber stets motiviert von einem normativen Horizont, dessen Aktualität heute überdeutlich vor Augen steht: dem Interesse an der Funktions­realität der repräsentativen Demokratie in den liberaldemokratisch verfassten politischen Systemen der Gegenwart und ihrer Fähigkeit, auf Herausforderungen des sozialen, kulturellen, ökonomischen und technologischen Wandels zu reagieren. Mindestens fünf Forschungs­feldern hat Kaase maßgebliche Impulse gegeben. Die Wahl- und Einstellungs­forschung profitiert seit Jahrzehnten von einer lückenlosen, bis 1961 zurückreichenden Kette großer Bundestagswahl­studien, an denen Kaase drei Jahrzehnte lang mitgewirkt hat. Als Mit-Initiator der „Political Action“-Studie von 1979 öffnete er den Horizont der politischen Beteiligungs­forschung für die heute nahezu alltäglichen unverfassten und direkten Formen politischer Aktivität jenseits der „konventionellen“, über Wahlen und politische Parteien vermittelten Partizipation. 

In der autoritativen fünf-bändigen Bestandsaufnahme „Beliefs in Government“ kulminierte Kaases Interesse an der politischen Kultur im Sinne der Unter­stützung der Bürger für das demokratische politische System. Früh kritisierte er das seinerzeitige – aus heutiger Sicht wahrlich erstaunliche – Desinteresse der Politik­wissenschaft an Phänomenen der politischen Kommunikation und gab wichtige Anstöße zur Etablierung dieses heute so wichtigen Forschungs­feldes an der Schnittstelle zwischen Politik- und Kommunikations­wissenschaft. Methodisch stand immer die repräsentative Bevölkerungs­umfrage im Zentrum von Kaases Forschungs­ansatz. Über Jahrzehnte reflektierte er die Entwicklung dieser sozial­wissenschaft­lichen Methode, aber auch ihre Bedeutung als organisiertes Feedback­system zur Aufklärung der demokratischen Gesellschaft über sich selbst – sowie nicht zuletzt die sich aus dieser Funktion ergebenden Qualitäts­anforderungen an die akademische und die öffentliche Umfrageforschung.

Langfristig womöglich noch größere Bedeutung entfaltete Kaases Wirken als visionärer und durchsetzungs­starker Wissenschafts­manager mit leidenschaft­lichem Interesse am Aufbau von Infrastrukturen zum Nutzen der wissenschaft­lichen Gemeinschaft. Etliche weitgespannte internationale Kooperations­projekte gehen maßgeblich auf seine – zumeist als treibende Kraft in Teams und Netzwerken entfalteten – Initiativen zurück, allen voran der European Social Survey (ESS), der sich mit über 30 beteiligten Ländern zu einem der wichtigsten sozial­wissenschaft­lichen Infrastruktur­projekte Europas entwickelt hat und eines der qualitativ besten Umfrage­projekte weltweit darstellt. Stets war Kaase auch bereit, sich durch Über­nahme wissenschaft­licher Ämter und Funktionen für die wissenschaft­liche Gemeinschaft einzusetzen. Die Palette ist breit und reicht vom Vorstand der Arbeits­gemeinschaft sozial­wissenschaft­licher Institute (ASI) und der Kommission zur Erforschung des gesellschaft­lichen und politischen Wandels in den neuen Bundes­ländern (KSPW) über das Scientific Board der Swiss Foundation for Research in the Social Sciences (FORS) sowie Gremien der Deutschen Forschungs­gemeinschaft (DFG) und des Wissenschafts­rates bis zur Vizepräsidentschaft der European Science Foundation (ESF), kulminierend in der Wahl zum Präsidenten der International Political Science Foundation (IPSA).

Dem über ein halbes Jahrhundert, und mit ungebremster Energie weit über die formale Ruhestandsgrenze hinaus entfalteten Wirken des national wie international hoch angesehenen politischen Soziologen Max Kaase verdankt die Politik­wissenschaft nicht nur wesentliche Forschungs­beiträge zu Einstellungen und Verhalten der Bürger demokratischer politischer Systeme seit den 1960er Jahren, sondern auch Infrastrukturen der empirischen Sozialforschung von Weltrang. Sein Ethos wissenschaft­licher Professionalität war vorbildlich. Max Kaase hat wesentlich zum heutigen Ansehen der Mannheimer Sozial­wissenschaften beigetragen. Die Fakultät wird ihm ein ehrendes Andenken bewahren

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