Warum Menschen Steuern hinterziehen und gleichzeitig spenden

Mehr als 25 Millionen Euro an Steuern hinterzog Uli Hoeneß – und spendete gleichzeitig fünf Millionen Euro an Hilfsorganisationen wie „Ein Herz für Kinder“ und weitere. Ähnliches Verhalten zeigten andere Prominente wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo: Sie verteilten nicht nur Geld vom Staat an Einrichtungen ihrer Wahl, sondern gingen dabei auch ein persönliches Risiko ein. Nach Ansicht von Prof. Dr. Hans-Peter Grüner von der Universität Mannheim und Prof. Dr. Sebastian Siegloch von der Universität zu Köln bedarf es mehr als einer rein ökonomischen Sichtweise, um dieses komplexe Phänomen zu erklären. Die Autoren zogen daher ein weiteres Kriterium hinzu: Es ist die fehlende politische „Kongruenz“, die zu einem auf den ersten Blick irrationalen Verhalten führt. Das zeigt ihre Studie, die Ende September auf der Seite des Forschungsinstituts Centre for Economic Policy Research (Zentrum für wirtschaftspolitische Forschung, CEPR) veröffentlicht wurde.
Um das gleichzeitige Auftreten von Steuervermeidung und Spendenbereitschaft zu erklären, führten die Ökonomen in ihrem theoretischen Modell die „Kongruenz“ als einen zentralen Faktor ein. Gemeint ist damit die Übereinstimmung zwischen den persönlichen Präferenzen einer Person und ihrer Wahrnehmung der politischen und administrativen Maßnahmen der Regierung. Die Kongruenz ist hoch, wenn Menschen ähnliche politische Präferenzen hinsichtlich der öffentlichen Ausgaben wie die Regierung haben und auf deren administrative Fähigkeiten vertrauen. Sie fällt niedrig aus, wenn dieses Vertrauen abhandenkommt.
Der Schlüssel zum Verständnis des scheinbar irrationalen Verhaltens liegt aus Sicht der Wissenschaftler darin, ob die Menschen Steuern und Spenden als austauschbar erachten: Wer kongruent und mit der Politik zufrieden ist, zahlt gerne Steuern und hat weniger Anreiz, Steuern zu hinterziehen. Denn bereits das Zahlen von Steuern kann ein positives Gefühl erzeugen – einen sogenannten „warm glow“.
Wer hingegen mit der Politik hadert, ist eher geneigt, selbst die Kontrolle über die Ausrichtung seiner Beiträge zu übernehmen – und spendet lieber, als Steuern zu zahlen, um das gleiche positive Gefühl zu erlangen. Für inkongruente Steuerzahler*innen greift also das Prinzip der Austauschbarkeit von Steuern und Spenden nicht. Sie ziehen die Wirkung privater Spenden vor und entscheiden lieber selbst, wohin ihr Geld fließt.
„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass ein Bündel von Eigenschaften darüber entscheidet, wer zur Steuerhinterziehung neigt, darunter die Regeltreue, die Neigung, etwas für die Gemeinschaft zu tun, und die politische Kongruenz“ erklärt Prof. Dr. Hans-Peter Grüner. „Steuerhinterziehung kann das Ergebnis einer geringen sozialen Neigung sein, muss es aber nicht. Wer an sich eine starke soziale Motivation hat, aber die Politik der Regierung ablehnt, kann geneigt sein, Steuern zu hinterziehen und zu spenden.“
Die Autoren diskutieren auf dieser Grundlage auch die Frage, wie sich Steuerhinterziehung reduzieren lässt. Eine Möglichkeit sehen sie in mehr demokratischer Teilhabe und Maßnahmen, die die politische Übereinstimmung zwischen Steuerzahler*innen und politischen Entscheidungsträgern stärken.
Dazu könnten Elemente der direkten Demokratie gehören oder eine stärkere Zweckbindung von Steuern für bestimmte Ausgabenkategorien. Als Beispiel nennen die Wissenschaftler das italienische „Cinque per mille“-System. Dort können Steuerzahler einen Teil ihrer Einkommensteuer an eine Wohltätigkeitsorganisation ihrer Wahl weiterleiten.
Die Forschenden haben für ihre Analyse die Befragungsdaten der weltweit angelegten Werte- und Einstellungsstudie „World Values Survey“ ausgewertet. Die siebte Welle in der Version von 2024 umfasst etwa 120.000 Befragte aus 80 Ländern.
Die Originalpublikation mit dem Titel Paying Taxes Like Uli Hoeneß — Tax Evasion, Charitable Giving, and Political Congruence ist hier erhältlich.