Politisch verschieden – gemeinsam vermeidend

Politisch liberale und politisch konservative Menschen haben etwas gemeinsam: die Motivation, Informationen, die ihrer eigenen Meinung widersprechen, zu meiden.

AutorIn
Gabriela Küchler
Politisch verschieden – gemeinsam vermeidend

Seit Oktober 2017 ist mit dem Inkrafttreten des Eheöffnungsgesetzes die Eheschließung zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren in Deutschland möglich. Egal, welche Meinung Sie vertreten - wären Sie bereit, sich die Argumente der Gegenseite anzuhören?

Psychologische Forschung belegt, dass Menschen allgemein eher Bestätigung für ihre bereits bestehende Meinung suchen und erinnern. Doch wie sieht es in der Politik aus? Hier können zumindest immer wieder Anschuldigungen hinsichtlich Selektivität aus verschiedenen Lagern beobachtet werden. In der Forschung wird teils angenommen, dass politisch liberale Personen für verschiedene Informationen aufgeschlossener sind als politisch konservative. Die Forschungslage ist allerdings gemischt.

Ein Forschungsteam um Jeremy Frimer wollte es genauer wissen. Sie untersuchten nicht nur, inwiefern Personen aus beiden politischen Lagern in den USA und Kanada motiviert sind, Informationen zu suchen, die der eigenen Einstellung entsprechen, sondern auch inwiefern sie motiviert sind, Informationen der Gegenseite zu vermeiden. Diesen Fragen gingen sie in fünf Studien nach. Dabei wurden kritische Themen herangezogen, wie beispielsweise die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe, Klimawandel oder politische Wahlen. In den anonymen Online-Studien wurden die Teilnehmenden zunächst zu ihrer Meinung nach einem bestimmten Thema befragt. Daraufhin sollten sie angeben, wie groß ihr Interesse ist, Aussagen von Gleichgesinnten und Andersgesinnten zu lesen.

Die Ergebnisse zeigten über alle Themen hinweg, dass sowohl politisch liberale als auch politisch konservative Menschen kaum Interesse berichteten, die Sicht der Gegenseite zu hören. Das Interesse, bestätigende Informationen für die eigene Sicht zu erhalten, war zwar meist nicht hoch ausgeprägt, aber doch deutlich höher, als das geringe Interesse für die andere Seite.

Was aber steckt hinter der Motivation meinungswidersprechende Informationen zu vermeiden? Dabei können laut dem Forschungsteam verschiedene Mechanismen eine Rolle spielen. Menschen haben das Bedürfnis, ihre eigene Weltansicht zu schützen und ihre erlebte Wirklichkeit mit anderen zu teilen. Entsprechend fanden die Forschenden in einer Studie, dass das geringe Interesse an der Gegenseite über erwartete negative Gefühle wie Wut, Anstrengung und Anspannung bei der Konfrontation mit der anderen Seite vermittelt wurde. Auch erwartete Konflikte mit dem Gegenüber spielten teilweise eine Rolle.

Insgesamt lässt sich aus diesen Befunden schließen, dass Menschen unabhängig von ihrer politischen Gesinnung eher versuchen zu vermeiden, sich mit der Meinung ihrer politischen KontrahentInnen auseinanderzusetzen. Laut den Forschenden resultiert daraus, dass Menschen in ideologischen Blasen leben, unabhängig davon, wie liberal oder konservativ sie gegenüber sozial kritischen Themen eingestellt sind. Zukünftige Forschung könnte untersuchen inwiefern sich diese Effekte zeigen, wenn ein realer Austausch zwischen Personen mit gegensätzlichen Meinungen möglich ist. Diesbezüglich wäre es auch von Interesse zu untersuchen, was die Motivation fördert, sich mit widersprechenden Meinungen zu beschäftigen.

 

Frimer, J. A., Skitka, L. J., & Motyl, M. (2017). Liberals and conservatives are similarly motivated to avoid exposure to one another’s opinions. Journal of Experimental Social Psychology, 72, 1–12. doi:10.1016/j.jesp.2017.04.003

Redaktion und AnsprechpartnerIn*: Janin Rössel*, Matt Keller