Immer habe ich es schwerer als die anderen!

Eigene Hindernisse im Leben werden häufig in ihrem Ausmaß überschätzt, weil sie leicht erinnert werden.

AutorIn
Maria Douneva
Immer habe ich es schwerer als die anderen!

Nicht selten meinen Geschwisterkinder, ihre Schwester oder ihr Bruder habe mehr Freiheiten gehabt, mehr Lob und weniger Bestrafungen erfahren und sei auch insgesamt von den Eltern bevorzugt worden. Wenn man aber die Schwester oder den Bruder fragt, erhält man häufig dieselbe Antwort – der oder die andere habe es leichter gehabt als sie selbst. Wie kommt es zu diesem Gefühl der Ungleichbehandlung, das paradoxerweise auf beiden Seiten herrscht?

Eine naheliegende Erklärung ist das Motiv der Selbstaufwertung: Menschen heben die eigenen Herausforderungen hervor, weil sie dadurch besser dastehen. Im Angesicht großer Herausforderungen erscheinen Erfolge nämlich umso beeindruckender, Misserfolge hingegen können den schwierigen Umständen zugeschrieben werden. 
Shai Davidai und Thomas Gilovich haben eine grundlegendere Erklärung für das Phänomen, dass Menschen meinen, sie hätten es schwerer als andere. Die Autoren nehmen an, dass Herausforderungen und Hindernisse mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als Dinge, die problemlos verlaufen, weil erstere bewältigt werden müssen. In der Folge werden sie leichter erinnert und dadurch in ihrem Ausmaß überschätzt. 

Die Autoren testeten diese Annahme, indem sie Studienteilnehmenden 24 Sätze präsentierten, 12 in grün und 12 in blau. Dabei sollten die Teilnehmenden je nach Farbe eine einfache oder eine schwierige Aufgabe lösen. Bei der einfachen Aufgabe sollten sie nur weiterklicken, bei der schwierigen Aufgabe die Anzahl der Vokale zählen. Nach den 24 Runden schätzten sie ein, wie viel Prozent der Sätze grün und wie viel blau gewesen waren. Obwohl alle Teilnehmenden je 12 Sätze in einer Farbe gesehen hatten, wurde der Anteil der „schwierigen Farbe“ überschätzt. Die Teilnehmenden nahmen fälschlicherweise an, von der schwierigen Aufgabe, die Aufmerksamkeit und Anstrengung erforderte, mehr Runden bearbeitet zu haben. In einer Wettbewerbssituation mit Quizfragen aus leichten und schwierigen Kategorien zeigte sich zudem ein entgegengesetzter Gedächtniseffekt für das gegnerische Team: Obwohl die Teilnehmenden aufgefordert worden waren, sich möglichst genau zu erinnern, unterschätzten sie beim gegnerischen Team den Anteil an Fragen aus schwierigen Kategorien. Die Teilnehmenden behaupteten also nicht nur, es schwerer zu haben als andere, sie glaubten vielmehr, dass es tatsächlich so sei. 

Auf den ersten Blick mag diese verzerrte Erinnerung wenig problematisch erscheinen, bei genauerem Hinsehen jedoch werden mehrere potenzielle Gefahren deutlich: Wenn andere es gefühlt leichter haben, kann das Gefühle von Neid, Missgunst oder Feindseligkeit erzeugen. Das kann wiederum dazu führen, dass man mehr für sich beansprucht, um diese vermeintliche Ungerechtigkeit auszugleichen – im schlimmsten Fall in Form unmoralischer Handlungen. Konzentrieren wir uns deshalb doch lieber auf die positiven Umstände und glücklichen Zufälle, die uns auf unseren jetzigen Weg geführt haben. Davon gibt es nämlich meist mehr, als wir denken.  

 

Davidai, S., & Gilovich, T. (2016). The headwinds/tailwinds asymmetry: An availability bias in assessments of barriers and blessings. Journal of Personality and Social Psychology, 111, 835-851. doi:10.1037/pspa0000066

Redaktion und AnsprechpartnerIn*: Jennifer Eck*, Christiane Schoel