Ich sehe was, was du nicht siehst

Personen, die sich unteren anstelle von oberen sozialen Klassen zuordnen, richten ihre Aufmerksamkeit stärker auf Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung.

AutorIn
Miriam Martini & Julian Quevedo Pütter
Ich sehe was, was du nicht siehst

Stellen Sie sich vor, Sie flanieren an einem verkaufsoffenen Sonntag über die belebte Fußgängerzone. Hierbei passieren Sie eine Menschengruppe, die neben einem Modegeschäft steht. Hätten Sie trotz der bunten Schaufensterdekoration bemerkt, dass alle Personen dieser Gruppe kurze Haare tragen? Laut aktueller sozialpsychologischer Forschung könnte Ihre soziale Klasse -  also die gesellschaftliche Schicht, der Sie je nach Einkommen, Bildung und Berufsprestige angehören  -  einen Einfluss darauf haben.

Vergangene Studien zeigen, dass sich Personen unterer sozialer Klassen eher in Abhängigkeit von anderen Menschen definieren als Personen oberer sozialer Klassen. Zudem messen sie sozialer Verbundenheit oft größere Bedeutung bei. Auf diesen Befunden aufbauend vermuteten Pia Dietze und Eric D. Knowles von der New York University, dass Personen, die sich unteren anstelle von oberen sozialen Klassen zuordnen, andere Menschen als relevanter für das Erreichen eigener Ziele erachten. Folglich sollten sie ihre Aufmerksamkeit automatisch stärker auf andere Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung richten.

Um ihre Hypothesen zu überprüfen, führten die Forschenden eine Studie durch. Hierbei sollten die ProbandInnen durch die Innenstadt gehen und auf ihre Umgebung achten. Worauf die Teilnehmenden ihre Blicke und somit ihre Aufmerksamkeit richteten, wurde von einer Kamera  aufgezeichnet. Im Anschluss wurde in einem Fragebogen erfasst, zu welcher sozialen Klasse sich die Teilnehmenden zählten. Wie vorhergesagt zeigten die Ergebnisse , dass die Teilnehmenden, die sich unteren sozialen Klassen zugehörig fühlten, länger auf die Menschen in ihrer Umgebung geblickt hatten als die übrigen Teilnehmenden.

Um zu klären, ob diese unterschiedliche Verteilung der Aufmerksamkeit bewusst oder  automatisch, also ohne Absicht vorgenommen wird, führte das Forschungsteam eine Online-Studie durch. Hier sollten die Teilnehmenden unter Zeitdruck mögliche Veränderungen zwischen jeweils zwei hintereinander gezeigten Bildergruppen ausmachen. Selbige unterschieden sich entweder in einem abgebildeten Gesicht, einem abgebildeten Gegenstand oder waren identisch. Die Bildergruppen wurden jeweils so lange abwechselnd gezeigt, bis die ProbandInnen per Tastendruck angaben,  ob eines und gegebenenfalls welches der Bilder ihrer Wahrnehmung nach ausgetauscht worden war. Dabei war die Anzeigedauer mit einer halbe Sekunde  so kurz, so dass die Teilnehmenden ihre Aufmerksamkeit nicht bewusst, sondern nur automatisch auf einzelne Bilder richten konnten. Am Ende der Untersuchung wurde wieder per Fragebogen erfasst, welcher sozialen Klasse sich die Befragten zuordneten.

Es zeigte sich, dass die Teilnehmenden, die sich unteren sozialen Schichten zugehörig fühlten, schneller als die übrigen Teilnehmenden erkannten, wenn Gesichter in den Bilderreihen ausgetauscht worden waren. Sie hatten ihre Aufmerksamkeit also automatisch stärker auf die Bilder mit Menschen gerichtet. Veränderungen in den Bildern mit Gegenständen wurden demgegenüber von allen Gruppen gleich schnell identifiziert. 

Ob Sie in der Fußgängerzone die kurzen Haare der Gruppenmitglieder bemerkt hätten, könnte den Befunden zufolge also von ihrem Gefühl der Klassenzugehörigkeit beeinflusst sein. Insbesondere, wenn Sie sich einer unteren sozialen Klasse zuordnen und sich somit eher in Abhängigkeit von anderen sehen, könnte Ihnen dieses Detail aufgefallen sein.

 

Dietze, P. & Knowles, E. D. (2016). Social class and the motivational relevance of other human beings: Evidence from visual attention. Psychological Science, 27, 1517-1527.

Redaktion und AnsprechpartnerIn*: Bianca von Wurzbach*, Katrin Bayer